WISSEN IN BEWEGUNG

„Hochschulen als transformative Kräfte zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft“

1. August 2020
Thomas Metten

Zum siebten Dialogforum „Wissen in Bewegung“ ist Prof. Dr. Wolfgang Stark zu Gast. Im Zentrum der Online-Veranstaltung stehen diesmal die Fragen: Welche Hochschulen braucht unsere Gesellschaft für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft? Welche Rolle spielt die Kooperation zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft in Forschung, Lehre und Praxis? Im Gespräch stellt Wolfgang Stark die Eckpfeiler einer virtuellen Universität für die Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert vor.

(1) Transfer und Transformationpionier*innen einladen, die zu ihrer Reise zum Transformationspionier erlebt haben. Kannst Du uns einen Einblick in Deinen Werdegang geben?

In München habe ich eine Einrichtung aufgebaut und geleitet, die hieß „Selbsthilfezentrum München“. Diese Einrichtung hat die Selbstorganisationsfähigkeit der Gesellschaft unterstützt. Dabei ging es um Selbsthilfegruppen, aber auch um die Tschernobyl-Krise. Selbstorganisation war immer mein Thema. Als ich an die Uni Duisburg-Essen kam, war nicht nur der klassische Unibetrieb mein Thema. Da ich aus einer Einrichtung kam, die „Effekte“ in die Zivilgesellschaft hervorrufen will, war das auch ein Bestreben für mich an der Uni. Daraus ist das Hochschulnetzwerk „Bildung durch Verantwortung“ und „Service-Learning“ entstanden. Da habe ich damals mit dem Jörg Miller zugegriffen. Das trägt mich auch heute noch. In der Corona-Pandemie-Zeit haben sich noch einmal neue Bereiche geöffnet. Vor allem die Internationalisierung ist für mich aber auch für die Hochschulen viel deutlicher geworden. Das „implizite Wissen“ wurde sehr wertvoll. Wir wollten das Wissen, dass die Menschen in dieser Krise-Situation gesammelt haben, sammeln. Wir haben eine Bank gegründet. Eine Bank der Ideen und Geschichten aus der ganzen Welt verbucht.

(2) Meiner Meinung war „Uni Aktiv“ das erste Projekt, dass Service-Learning auf breiter Ebene verankern hat.

Wir haben die Idee von Service-Learning aus den USA abgeschaut. Die Idee ist einfach, aber bringt etwas neues rein. Hannes Livka und … Hoffer haben das Mannheim in einem Seminar gemacht. Wir hatten damals mit dem Lothar zechlin einen Rektor an der Uni Duisburg einen sehr aufmerksamen Rektor, der dieses Thema direkt aufgreifen wollte. 

(3) Es geht um Möglichkeitsräume. Ihr habt eine Organisation in der Uni gegründet: Uni aktiv. Euch war das Engagement von Studierende immer wichtig. Das verbindet uns. In diesem Zuge hast Du dich U.Lab-Prozess gewidmet. Kannst Du dazu etwas sagen?

Gelegenheit nutzen und die richtigen Leute finden, ist unheimlich wichtig. Das ist einer der Gründe, warum ich als Gastwissenschaftler am … für Unternehmertum bin. Beim Unternehmertum geht es immer um Gelegenheit nutzen. Servce-Learning macht auch nichts anders: Es empowert Studierende ihr Wissen, dass sie an der Uni lernen, direkt anzuwenden und so Möglichkeiten sehen und zu nutzen.

(4) An dem Punkt kommt das U.Lab rein. In diesem Prozess ist die Verbindung als Einzelner mit der Gruppe ein wichtiger Aspekt. Wenn ich in einer Universität Menschen dafür begeistern möchte, dass sie mehr mit Akteuren außerhalb in Kontakt tritt, dann braucht es genau diesen Aspekt: Verbindung vom Einzelnen mit einer Gruppe. Kannst Du noch einmal die Bedeutung des U.Lab-Prozess umreißen? Was waren da auch Deine Erfahrungen?

Das u.Lab basiert auf einer Theorie von Otto Scharmer (MIT). OS hat sich gefragt, wie funktioniert institutioneller und gesellschaftlicher Wandel. Er hat erst einmal einen klassischen sozialwissenschaftlichen Ansatz verfolgt. Er hat 200 Experten von Transformation befragt. Das waren ganz unterschiedliche Menschen. Wandel funktioniert nicht so, dass es ein Problem gibt, für die man eine Lösung entwicklt. Theory U sagt, dass ich erst einmal meinen eigenen Wandel/Zweck/Werte erkennen muss. Ich möchte herausfinden, was ich in der Welt bewirken will. Das ist etwas anders, als das, was wir vom aktuellen „Turbo-Kapitalismus“ kennen. Wir müssen erst einmal die Situation beobachten, den eigenen Wandel fossieren und daraus eine Lösung entwicklen.

Auf die Hochschule angewendet bedeutet es, dass eine Hochschule sich erst dann verändert, wenn die Menschen in einer Hochschule verändern. Nur dann lassen sich nachhaltige Veränderungen erzielen. Wir wissen aus der Wirtschaft, dass die meisten Wandelprozesse nach fünf Jahren abbrechen. Die wesentliche Aussage des Theory-U-Prozess ist, dass Du dich selbst mitnehmen musst. Otto Scharmer sagt dazu, dass es ein Wandel mit Kopf, Herz und Hand sein muss. Nur dann ist ein ganzheitlicher Wandel.

(5) Es geht also auch darum, die Identität der Menschen zu verändern?

Das weiß man auch aus der Forschung über das Umweltbewusstsein oder die Nachhaltigkeit. Das ist eine wichtige Learning für zukünftige Studierende. Eine Hochschule ist immer auch Persönlichkeitsentwicklung. Studierende werden in der Zukunft viele kleine oder auch große Entscheidungen treffen. Daher müssen Studierende lernen, ihr Handeln mit ihren Werten zu verknüpfen. Natürlich lernt man das auch in normalen Lehrveranstaltungen. Aber es ist zentral für Service-Learning. Es ist ein drittel dieses Lehrformats zu fragen, was ist/war meine Effekt.

(6) Wir brauchen genau dieses Explizitmachen von Erfahrungen. Was waren für dich die wichtigsten Erkenntnisse aus dem u.Lab-Prozess?

Aus dem U.Lab-Prozess war das beeindruckenste für mich war, wie sehr spürbar war, wie Studierende am Rand stehen. Hochschule sind nicht für Studierende gemacht. Der Hochschulalltag bezieht sich auf Forschung und Lehre. D.h., es geht um die Menge der Studierende, die einen Abschluss machen. Die zweite Erkenntnis war, dass die Umwelt in der Hochschule kaum vorkommt. Deswegen ist Service-Learning so ein wichtiger Schritt. Es gibt an vielen Hochschulen viele kleine Initiativen. Von den 450 Hochschulen haben bestimmt 120 Hochschulen Lehre mit transformativen Aspekten. Das ist eine erstaunliche Erkenntnis für mich. Das habe ich nicht erwarten. Wie können wir diese kleinen Inseln, des transformativen Lehren und Lernens vernetzen und somit auch stäkren. Damit wurde ein wichtiger Aspekt für eine „Hochschule der Zukunft“ erstellt: Studierende als Lernreise. Eine eigene „Learning journey“ als Studierender zu entwickeln. Und der dritte Punkt war, dass Digitalisierung die Hochschullandschaft massiv verändern wird. Es wird nicht alles online laufen. Ich habe auf einmal unmittelbaren Zugang auf Ressourcen.

Musikalisches Zwischenspiel von Georg Praml (Stiftung Nantesbuch)

Der Grund, warum Kunst eine wichtige Rolle spielt, ist, dass künstlerisches Denken eine Erweiterung unserer wissenschaftlichen Welt ist. Diese Verbindung soll auch auf der Tagung in Tutzingen gezeigt werden.

(7) Wer hat profitiert von dem Wissenszuwachs, der auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse entstand? – liegt er bei der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen oder eher bei zivilgesellschaftlichen Akteuren?

Prof. Dr. Wolfgang Stark
Prof. Dr. Wolfgang Stark

Prof. Dr. Wolfgang Stark lehrte und forschte von 1998-2015 an der Universität Duisburg-Essen in den Bereichen Organisations- und Gemeindepsychologie. Schwerpunkte seiner Arbeit waren unter anderem soziale Verantwortung in Organisationen, implizites Wissen, transdisziplinäre Netzwerke und Gemeinschaften. Sein Labor für Organisationsentwicklung und das Steinbeis Transferzentrum Innovation and Sustainable Leadership stehen für innovative Ansätze in Praxis und Forschung sowie für den beidseitigen Transfer zwischen Hochschule, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Kunst. Er ist Mitgründer des Hochschulnetzwerks „Bildung durch Verantwortung“ und war von 2011 bis 2017 der Sprecher des Netzwerks. Seit 2015 ist er Gastwissenschaftler am Strascheg Center for Entrepreneurship in München und erforscht dort praxisbezogene Erfolgsmuster unternehmerischer Innovation in urbanen und ländlichen Regionen.

Das ist eine Zeit- und Ressourcenfrage. Bei großen Hochschulen wird es schwer sein, SL (Lehre auf Augenhöhe, gemeinsame Zukunftsgestaltung) flächendeckend einzuführen. Diese Formate brauchen viel mehr Zeit und haben einen hohen Betreuungsaufwand. Das Betreuungsverhältnis ist in Deutschland „nicht toll“. Die zweite Beschränkung ist, dass der Wissensaustausch- und Wissensaustausch an Sprache geknüpft. Manche Wissenschaftsdisziplinen haben eine eigene Sprache und das schränkt die Verbindung zwischen Hochschulen und der Gesellschaft ein. Eine Möglichkeit wäre hier Citizen Science, der bspw. Wissenschaft mit Zivilgesellschaft. Aber man muss die Sprache aneinander anzugleichen. Das ist ein kultureller Lernprozess. Das dauert vielleicht sieben Jahre oder länger. Das weiß man heute. Wir müssen diese Beziehungsgestaltung zwischen Hochschule und Zivilgesellschaft lernen. Dafür gibt es Bsp. Uni Lüneburg, Uni Witten-Herdecke. Dafür sollten wir auch im Ausland auf Ideensuche gehen. Das dritte Hindernis ist die Experimentierfreudigkeit an deutschen Hochschulen ist sehr eingeschränkt. Wobei der Stifterverband und manche Kultusministierien schon in diese Richtung wirken.

(8) Kannst Du noch einmal etwas zum Programm in Tutzingen (19. – 21.10.) sagen?

Prof. Dr. Wolfgang Stark lehrte und forschte von 1998-2015 an der Universität Duisburg-Essen in den Bereichen Organisations- und Gemeindepsychologie. Schwerpunkte seiner Arbeit waren unter anderem soziale Verantwortung in Organisationen, implizites Wissen, transdisziplinäre Netzwerke und Gemeinschaften. Sein Labor für Organisationsentwicklung und das Steinbeis Transferzentrum Innovation and Sustainable Leadership stehen für innovative Ansätze in Praxis und Forschung sowie für den beidseitigen Transfer zwischen Hochschule, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Kunst. Er ist Mitgründer des Hochschulnetzwerks „Bildung durch Verantwortung“ und war von 2011 bis 2017 der Sprecher des Netzwerks. Seit 2015 ist er Gastwissenschaftler am Strascheg Center for Entrepreneurship in München und erforscht dort praxisbezogene Erfolgsmuster unternehmerischer Innovation in urbanen und ländlichen Regionen.