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Transfer neu Denken

Szenariotechnik ist eine Methode, mit deren Hilfe alternative Vorstellungen über positive und negative Entwicklungen in der Zukunft zu umfassenden Bildern und Modellen, d. h. möglichen und wahrscheinlichen »Zukünften«, zusammengefasst werden. Szenarien sind also weder Prognosen, bei denen Extrapolationen gegenwärtiger Trends in die Zukunft erfolgen, noch realitätsferne Utopien und Phantasien, wie sie beispielsweise im Rahmen von Zukunftswerkstätten entwickelt werden. Mit der Szenario-Technik werden vielmehr quantitative Daten und Informationen mit qualitativen Einschätzungen und Wertvorstellungen verknüpft, so dass als Ergebnis detaillierte Beschreibungen mehrerer möglicher Zukunftssituationen unter ganzheitlichem Aspekt entstehen. Szenarien verknüpfen empirisch-analytische mit kreativ-intuitiven Elementen und sind insofern ein Denk- und Kommunikationsmodell für Wissenschaft, Politik, Unternehmen und gesellschaftliche Gruppen, um unsere komplizierte Welt überhaupt noch begreifen zu können und entscheidungsfähig zu bleiben.

Prof. Dr. Ina Kerner: Die alte politische Mission: Zu den gesellschaftlichen Aufgaben kritischer Lehre und Forschung

Seit ein paar Jahren ist vermehrt von der sogenannten „Third Mission“ die Rede, von einer dritten Mission der Hochschulen, die im 21. Jahrhundert neben Forschung und Lehre trete. Glaubt man dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), geht es dabei in erster Linie um angewandte Wissenschaften und deren Transfer in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Ina Kerner wird in ihrem Vortrag eine andere Perspektive stark machen und sich dabei auf akademische Disziplinen und Traditionen beziehen, für die eine politische Mission von jeher konstitutiv war: die Politikwissenschaft in ihrer westdeutschen Neugründung als Demokratiewissenschaft in den Jahren nach der nationalsozialistischen Herrschaft, die britischen Cultural Studies, die sich unter anderem mit den gesellschaftlichen Effekten des Kapitalismus und den Spätfolgen des Kolonialismus befassen, und die Gender Studies als transdisziplinäre Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen.

Ina Kerner ist Professorin für Dynamiken der Globalisierung und Leiterin des Seminars Politische Wissenschaft im Institut für Kulturwissenschaft der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz. Zuvor war sie nacheinander an den drei Berliner Universitäten (FU, TU, HU) tätig, hatte Gastprofessuren an der New School for Social Research in New York und der Quaid-i-Azam University in Islamabad inne. Sie war u.a. als Gastwissenschaftlerin an Universitäten und Forschungszentren in New York, Kapstadt, Berlin, London, Brasilia, Duisburg und Bielefeld tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Politischen Theorie und der transdisziplinären Geschlechterforschung, derzeit vor allem auf dem Gebiet postkolonialer politischer Theorien und mit Blick auf Perspektiven einer feministischen Religionskritik.

Anmeldung für die gesamte Vortragsreihe: https://mensch-in-bewegung.info/event/tnd/

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Prof. Dr. Hartmut Rosa: Best Account: Die Krise der Spätmoderne und die Rolle der Gesellschaftstheorie

Es kann keinen Zweifel mehr daran bestehen, dass die Gesellschaftsformation der Moderne im 21. Jahrhundert in eine Krise geraten ist. Diese zeigt sich am deutlichsten in der ökologischen Dimension, aber sie ist auch in der politischen Verfassung und im Blick auf die Mikroebene der Subjekte identifizierbar. Provokativ zusammenfassen lässt sie sich in dem Argument, dass die Wachstums- und Beschleunigungszwänge – also die Imperative dynamischer Stabilisierung – zu einem Aufheizen (burn up) der ökologischen und politischen Atmosphäre und zu einem Ausbrennen (burn out) der Subjekte führen. Welchen Beitrag kann eine Theorie der Gesellschaft zu ihrer Überwindung leisten? Der Vortrag will zeigen, dass die Soziologie kein abstraktes theoretisches Wissen auf gesicherter methodischer Basis liefern kann, dem dann nur zu folgen wäre, sondern dass sie versuchen muss, auf der Grundlage aller verfügbaren Informationsquellen eine bestmögliche Deutung (best account) unserer gesellschaftlichen Lage zu formulieren und diese dann in der kritischen Diskussion und im Austausch mit Akteuren aller möglichen gesellschaftlichen Gruppen zu korrigieren und weiterzuentwickeln.

Hartmut Rosa (*1965) ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin und habilitierte sich an der Universität Jena. Nach Vertretungsprofessuren an den Universitäten in Duisburg-Essen und Augsburg folgte er 2005 dem Ruf auf die Professur an der Universität Jena. Seit 2013 ist er u.a. Direktor des Max Weber-Kollegs der Universität Erfurt.

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Prof. Dr. Barbara Buchenau: „Heroisch Scheitern in den besten und schlechtesten aller möglichen Welten“ Anforderungen an eine transdisziplinäre Narratologie

Nichts besticht mehr als eine herzerwärmende Erfolgsgeschichte, so die Hypothese frappierend vieler Entscheidungsgremien in westlichen Demokratien. Spätestens seit der Postmoderne floriert das affektive storytelling als gestalterisches Verfahren in Politik und Wirtschaft (Reckwitz 2018). Die literarischen Blaupausen des politischen Umbruchs, des gesellschaftlichen Aufbruchs oder des ökologischen Umlenkens handeln allerdings von Figuren, die ebenso widersprüchlich und unergründlich sind wie ihr Umfeld. Es sind Figuren, die weder gewinnen, noch es richtig machen können und die gerade deshalb überzeugen und inspirieren. Die Literatur- und Medienwissenschaften entwickeln in Auseinandersetzung mit diesen und in Zusammenarbeit mit ihren Partner*innen aus Politik, Bildung und Wirtschaft eine transdisziplinäre Erzählforschung, die sich dieser gestalterischen Macht des gesamtgesellschaftlichen storytelling annimmt.

Barbara Buchenau (*1968) ist Professorin für Nordamerikastudien: Literatur- und Kulturwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. Nach ihrem Studium der Anglistik, Geographie, Psychologie und Pädagogik promovierte und habilitierte sie an der Georg-August-Universität Göttingen. Ab 2010 war sie Assistenzprofessorin an der Universität Bern in der Schweiz, 2012 folgte sie dem Ruf an die Universität Duisburg-Essen. Seit 2018 ist sie dort Prorektorin für Gesellschaftliche Verantwortung, Diversität und Internationales.

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Prof. Dr. Sabine Maasen: Integrative Wissenschaft: Das unmögliche Projekt?

Mit Partizipation, Nachhaltigkeit oder Responsivität verknüpft sich der stets erneuerte Anspruch, zur Lösung komplexer Problemlagen gesellschaft­liche Akteur*innen mit ihrem Wissen und ihren Werten in die Forschung einzubeziehen. Darüber hinaus engagieren sich neuerdings Hochschu­len in der Leistungsdimension Transfer, um ihre Wissenschaft mit ihrem gesellschaftlichem Öko­system in den Austausch zu bringen – ebenfalls mit immer neuen Konzepten. Das wissenschafts­politische Kon­strukt Großer Herausfor­derungen plausibilisiert diese Dynamik zwar, beruhigt sie jedoch nicht. Das liegt nicht zuletzt an den inhärenten Spannungen integrativer Wissenschaft, die auch die Versuche der hochschulischen Institutionali­sierungen dieses Anspruchs nicht unberührt lässt.

Sabine Maasen (*1960) ist Professorin für Wissenschafts- und Innovationsforschung an der Universität Hamburg. Nach dem Studium der Soziologie, Linguistik und Psychologie an der Universität Bielefeld promovierte und habilitierte sie in der Soziologie. 2001 nahm sie einen Ruf auf die Professur für Wissenschaftsforschung/ Wissenschaftssoziologie an der Universität Basel an. Zuletzt war sie an der TU München tätig, wo sie seit 2013 den Lehrstuhl für Wissenschaftssoziologie innehatte und Direktorin des Munich Center for Technology in Society war. Sie ist Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats Deutschland sowie der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsens.

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Prof. Dr. Eva Geulen: Geisteswissenschaften heute: Ihr Sollen, Wollen, Können – und ihr Unvermögen

Im ersten Teil des Vortrags wird es, eher theoretisch, um die Vorgeschichten der Erwartungshaltungen gehen, die bei der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der Geisteswissenschaften heute eine Rolle spielen. Im zweiten Teil werden, eher praktisch, Fallbeispiele geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung vorgestellt.

Eva Geulen (*1962) ist Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Freiburg und an der Johns Hopkins University in Baltimore, wo sie 1989 promovierte. Bevor sie 2003 den Ruf auf eine Professur an der Universität in Bonn annahm, lehrte sie an der University of Rochester und an der New York University. 2012 folgte sie einem Ruf an die Goethe Universität in Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie u.a. Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) und Vorstandsmitglied der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin.

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Prof. Dr. Armin Grunwald: Die Geistes- und Sozialwissenschaften angesichts großer gesellschaftlicher Herausforderungen: distanzierte Beobachtung oder transformatives Engagement?

Der Umgang mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen wie nachhaltige Entwicklung, Klimaschutz und schneller Digitalisierung bedarf wissenschaftlichen Wissens. Es geht um das Verstehen der Veränderungen, um Reflexion und Wissen zum Handeln. Umstritten ist, ob die Wissenschaften sich dabei auf ihre traditionelle Rolle des Lieferanten von Erkenntnis beschränken dürfen, oder ob sie nicht selbst aktiv werden soll, z.B. im Hinblick auf gesellschaftliches und politisches Engagement. Im Vortrag werde ich diese allgemeine Frage auf die Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaften, näherhin der Philosophie angesichts der Transformation hin zu einer nachhaltigeren Entwicklung zuspitzen.

Armin Grunwald (*1960) ist Professor für Technikphilosophie und Technikethik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Nach dem Studium der Physik, Mathematik und Philosophie promovierte er in Physik an der Universität Köln und habilitierte in Philosophie an der Philipps-Universität Marburg. Er war u.a. am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie an der Geschäftsstelle des Wissenschaftsrates tätig. Seit Oktober 1999 leitet er das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS). Seit 2002 leitet er ebenfalls das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag.

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Prof. Dr. Claus Leggewie: Planetar denken. Eine Herausforderung für die Geistes-wissenschaften

Die Conditio Humana zu bestimmen, war der Monopolanspruch der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften: Im Mittelpunkt der Mensch. Protagonisten der politischen Ökologie mahnten eine Korrektur an: „Was das neue Klimaregime in Frage stellt, ist weniger der zentrale Ort des Menschen als seine Zusammensetzung, seine Präsenz, seine Konfiguration“ (Latour). Die Souveränitätsillusion individueller und kollektiver Akteure steht auf dem Prüfstand und kehrt die Frage nach dem Verhältnis von Prinzipal und Agent um: Menschen haben tief in den Planeten eingegriffen und sind selbst zu einer geologischen Macht geworden, aber sie finden keinen Weg aus der von ihnen verursachten Zerstörung ihrer Umwelt. Interdisziplinäres planetares Denken eröffnet hier neue Denkräume und Perspektiven.

Claus Leggewie (*1950) ist Professor für Politikwissenschaft und seit 2015 erster Inhaber der Ludwig Börne-Professur an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Nach dem Studium der Sozialwissenschaften und Geschichte in Köln und Paris promovierte und habilitierte er an der Universität Göttingen. Seit 1989 lehrt er als Professor an der JLU. Von 2007 bis 2015 war er zudem als Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Essen sowie des Centre for Global Cooperation Research in Duisburg tätig. Von 2008 bis 2016 war er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU).

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